Wege der Rechtsfindung in ethnisch-religiös gemischten Gesellschaften
Erfahrungsressourcen in Polen-Litauen und seinen Nachfolgestaaten

Emmy Noether Universität Leipzig

Frühe Neuzeit

Konkurrenz und Kooperation heterogener Rechtssysteme auf einem adeligen Latifundium im frühneuzeitlichen Polen-Litauen. Der Fall Rzeszów, 1700–1730.

Yvonne Kleinmann

Gegenstand der mikrohistorischen Untersuchung ist das Latifundium des Adelsgeschlechts Lubomirski, gelegen in der Übergangszone zwischen polnisch- und ruthenischsprachigen Gebieten des östlichen Kleinpolen und westlichen Rotreußen. Die adeligen Grundherren gehörten der römisch-katholischen Kirche an; ihre bäuerlichen Leibeigenen waren teils polnischsprachige Katholiken, teils Ruthenen, die im Laufe des 17. Jahrhunderts den katholischen Glauben angenommen hatten, jedoch auf synkretistische Weise ältere griechisch-orthodoxe Riten mit jenen der Katholiken verbanden. Die Handwerker und Händler in Rzeszów sowie die Pächter von Adelsmonopolen auf den Landgütern waren mehrheitlich Juden, seltener Katholiken. Mit dieser religiösen Segmentierung gingen im frühneuzeitlichen Polen-Litauen unterschiedliche Rechtstraditionen und -praktiken einher.

Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Gerichtsinstanzen des Verwaltungszentrums Rzeszów. Auf Initiative des adeligen Stadtherrn war die Stadt 1362 zur Anwerbung von Siedlern mit dem Magdeburger Recht belehnt worden. Dessen Anwendung auf die städtische, aber auch die ländliche Bevölkerung aller Religionsgemeinschaften durch die Institution des Rzeszower Schöffengerichts ist für das 17. und 18. Jahrhundert nahezu lückenlos dokumentiert. Neben dieser Rechtsform bestanden jedoch ältere korporative Rechtspraktiken fort bzw. neue wurden etabliert: Je nach dem persönlichen Status der Einwohner und den involvierten Parteien vor Gericht beriefen sie sich auf adeliges Landrecht, kanonisches Recht, dörfliches Gewohnheitsrecht oder auf Halacha und Minhag – das jüdische Religionsgesetz und den jüdischen Brauch – und beanspruchten Rechtsprechung vor ihren eigenen Gerichten. Als höchste Appellationsinstanz fungierte das Schlossgericht des Stadtherrn.

Erforscht werden soll, in welchem Maße verschiedene ständisch und religiös gebundene Rechtsformen in ein und demselben Raum koexistierten, konkurrierten und auch kooperierten –, ausgehend von der Hypothese, dass allen involvierten Gruppen angesichts massiver militärischer Bedrohung durch das Moskauer Reich und Schweden sowie durch Einfälle der Tataren schon allein im Sinne ökonomischer Prosperität an sozialem Frieden und öffentlicher Ordnung gelegen sein musste. Darüber hinaus werden inner- und außergerichtliche Formen der Rechtsfindung untersucht. Unter der Prämisse der prinzipiellen Vorrangstellung der katholischen Kirche stellt sich die Frage, wie Garantien religiöser Toleranz definiert und eingelöst wurden.

Im Hinblick auf das Schöffengericht ist zu ergründen, inwieweit es das jeweilige religiöse Bekenntnis von Klägern, Angeklagten und Zeugen im Verfahren berücksichtigte. Um Schlüsse für die Anwendung des Magdeburger Rechts in der gerichtlichen Praxis einer großen Privatstadt im frühneuzeitlichen Polen-Litauen ziehen zu können, gilt es zu klären, ob der mittelalterliche Rechtskodex in adaptierter Form und in Konkurrenz mit anderen Rechtstraditionen geeignet war, die sozialen Beziehungen auf einem ethnisch-religiös gemischten Latifundium zu regeln.

Das weitergehende Erkenntnisinteresse ist es, mittels eines lokalgeschichtlichen Zugangs Einblicke in die Wechselbeziehungen zwischen Rechts- und Religionsgeschichte in Polen-Litauen seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu öffnen. Darüber hinaus bildet die Untersuchung im größeren Zusammenhang der Projektgruppe eine Grundlage für die Erforschung politischer Kontinuitäten und Rückbezüge in den Nachfolgestaaten Polen-Litauens im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Der Fall Rzeszów kann angesichts der heterogenen Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen im vormodernen Polen-Litauen nicht verallgemeinert werden, doch steht er exemplarisch für den Typus der aufstrebenden adeligen Privatstadt in den ethnisch-religiös heterogenen östlichen Teilen der Rzeczpospolita.

18.04.2013 Seite drucken