Wege der Rechtsfindung in ethnisch-religiös gemischten Gesellschaften
Erfahrungsressourcen in Polen-Litauen und seinen Nachfolgestaaten

Emmy Noether Universität Leipzig

II. Polnische Republik

Staatsbürgerschaftskonzepte ethnoreligiöser Institutionen in der Zweiten Polnischen Republik (1918–1939) – eine komparative Analyse

Stephan Stach

Etwa ein Drittel der Bevölkerung der Zweiten Polnischen Republik, mit der 1918 wieder ein polnischer Staat entstand, bediente sich einer anderen Muttersprache als des Polnischen, gehörte zu einer anderen ethnischen Gruppe als den Polen und zu einer anderen Kirche als der römisch-katholischen. Dies stellte den Staat, die polnische Mehrheitsbevölkerung ebenso wie Angehörige der so genannten Minderheiten oder fremden Nationalitäten vor große Herausforderungen – vor allem in jenen Wojewodschaften, wo die angeblichen Minderheiten in der Mehrheit waren. Als formal gleichberechtigte Staatsbürger richteten sie Forderungen an den Staat, der seinerseits vor der Frage stand, wie diese Heterogenität zu verwalten sei. Die daraus folgenden Aushandlungsprozesse liefen nicht reibungslos ab und führten in einigen Fällen zu erbitterten Auseinandersetzungen.

Die umfangreiche Forschung zu diesem Themenkreis konzentriert sich zum einen oft auf die abstrakte, gesamtstaatliche Ebene. Vor allem fehlt die nötige Tiefenschärfe, um lokale und institutionelle Besonderheiten abzubilden. Ein weiteres Grundproblem liegt darin, dass die so genannte Zwischenkriegszeit meist als „Vorspiel“ des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust wahrgenommen wird. Der Blick verengt sich auf jene Konflikte, die scheinbar stringent auf die immense Eruption ethnisch motivierter Gewalt zwischen 1939 und 1948 hinführen, anstatt die 20 Jahre der Zweiten Polnischen Republik als eigenständigen Zeitabschnitt zu betrachten.

Der hier skizzierten Doktorarbeit liegt die Frage zugrunde, welchen Einfluss Institutionen religiöser Gemeinschaften bei der Herausbildung von Staatsbürgerkonzepten in der „Gründerzeit“ des neuen polnischen Staates hatten. In zeitgenössischen Debatten wurden diese Gemeinschaften eher als Nationalitäten bzw. nationale Minderheiten, denn als konfessionelle oder religiöse Gruppen bezeichnet, doch wurde die konfessionelle und nationale Zugehörigkeit in der Fremd- wie in der Selbstwahrnehmung meist gleichgesetzt. Dadurch kam den Religions- und Konfessionsgemeinschaften, insbesondere ihren Institutionen, eine entscheidende Rolle bei der Interessenvertretung der jeweiligen Gruppe zu. Untersucht werden soll die institutionalisierte Nationalitätenpolitik in der Zweiten Republik. Im Mittelpunkt stehen ethnoreligiöse Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen und ihre Teilnahme an der Ausbildung von Staatsbürgerschaftskonzepten. Ihre Aktivitäten werden in einem Netz aus staatlichen Behörden und staatsnahen Institutionen verortet. Es gilt, das Feld abzustecken, in dem versucht wurde, religiöse Werte mit wissenschaftlichen und staatsbürgerlichen Ansprüchen zu vereinen. Grundlage der vergleichenden Analyse sind orthodoxe, griechisch-katholische und jüdische sowie staatliche bzw. staatsnahe Institutionen.

Im Sinne der neueren Institutionen- und Politikgeschichte werden die beschriebenen Einrichtungen als Verdichtungsräume von Kommunikation über gesellschaftlicher und politischer Prozesse verstanden. In Kombination mit biographischen Zugängen auf der Akteursebene wie auch der historischen Netzwerkforschung sollen die vielfältigen Verflechtungen zwischen den Institutionen aufgezeigt werden. Das daraus entstehenden Gesamtbild wird als Arena politischer Aushandlungsprozesse analysiert.

18.04.2013 Seite drucken