Wege der Rechtsfindung in ethnisch-religiös gemischten Gesellschaften
Erfahrungsressourcen in Polen-Litauen und seinen Nachfolgestaaten

Emmy Noether Universität Leipzig

Grundidee

Die Projektgruppe hat sich zum Ziel gesetzt, die Verbindung rechts- und religionsgeschichtlicher Ansätze in der Erforschung ethnisch-religiös gemischter Gesellschaften zu stärken. Ideelle Heterogenität wird als Normalität vorausgesetzt und der Blick für interreligiöse Aushandlungsprozesse in der Rechtsfindung geöffnet. Polen-Litauen und seine Nachfolgestaaten – ein unter wechselnden Herrschaftsverhältnissen bis 1939 kontinuierlich von verschiedenen Religionsgemeinschaften besiedeltes Territorium – eignet sich auf besondere Weise für eine Untersuchung in der longue durée.

Rechtsfindung umfasst im Sinne einer anthropology of law neben eng juristischen Fragen auch soziologische, historische und philosophische Aspekte von Recht. Von besonderem Interesse ist die komparative Analyse koexistierender Rechtssysteme sowie die Differenzierung zwischen staatlichen und lokalen Rechtstraditionen, Individual- und Gruppenrechten, Recht und Brauch.

Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Religions- und Konfessionsgemeinschaften in Rechtstheorie und -praxis. Zunächst soll ergründet werden, wo ethnisch-religiös definierte Rechtssysteme normativ miteinander konkurrierten. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Koexistenz unterschiedlicher Rechtstraditionen und -institutionen, im 19. und frühen 20. Jahrhundert auch der Konfrontation ethnisch-religiös gebundener Rechtsformen mit imperialen und nationalen Rechtsvorstellungen.

Die einzelnen Fallstudien sind der historischen Analyse politischer Strategien und Kommunikationsformen gewidmet, die darauf angelegt waren, heterogene Glaubensvorstellungen im Rechtssystem zu berücksichtigen oder auch, religiöse Zugehörigkeit aus der Rechtsfindung bewusst auszuklammern. Auf keinen Fall soll dabei die Bedeutung von Religion zulasten anderer Zugehörigkeiten – etwa ständischer, ökonomischer und geschlechtlicher – essentialisiert werden.

Die Arbeit der Forschungsgruppe ist von der Grundannahme getragen, dass die einzelnen Zeitschichten der polnisch-litauischen Geschichte  über ihre Zeit hinaus wirksam bleiben und nicht isoliert voneinander zu analysieren sind. Methodologische Entlehnungen aus der postkolonialen Theorie sollen den Blick dafür schärfen, die historischen Akteure in den Nachfolgestaaten Polen-Litauens im Spannungsfeld zwischen Postkolonialismus einerseits und neuem Kolonialismus andererseits zu betrachten. Der Wechsel der Staatsmacht ging stets mit Veränderungen im Rechtsstatus der einzelnen Religions- bzw. Konfessionsgemeinschaften einher, doch ebenso mit Kontinuitäten im imperialen Herrschaftsmanagement. Mittels des diachronen Ansatzes soll auch die Entwicklung von Religionsgemeinschaften zu Ethnien und Nationen sowie deren Überlappungen transparent gemacht werden.

Ein themenübergreifendes Anliegen der Forschungsgruppe ist es, bestehende national geprägte und oft anachronistische historische Narrative einer systematischen Revision zu unterziehen und in einer nicht an Religion, Ethnos und Nation, sondern am gemeinsamen Raum orientierten Synthese zusammen zu führen.

18.04.2013 Seite drucken