Wege der Rechtsfindung in ethnisch-religiös gemischten Gesellschaften
Erfahrungsressourcen in Polen-Litauen und seinen Nachfolgestaaten

Emmy Noether Universität Leipzig

Sommersemester 2011

Exkursion: Geschichte, Sprachen und Kulturen der Region Lemberg/L'viv

Master-Seminar

Download: Infoflyer (jpg, 150kb)

OrganisatorInnen: Yvonne Kleinmann/ Kersten Krüger

Institut für Slavistik/Historisches Seminar

Zeit: 2 Vorbereitungstermine im April; Exkursion 13.-22.5.2011

Kosten: max. 140 € Fahrt + 120 € Unterbringung + individuelle Verpflegungskosten

Kurzbeschreibung

Die Region Lemberg/Lwów/Lvov/L'viv ist in viele konkurrierende nationale und imperiale Narrative eingeschrieben. Für die Polen blieb sie im 19. Jahrhundert – der Annexion durch das Habsburgerreich zum trotz – eine Hochburg polnischer Kultur. Die Habsburger machten sie zum politischen und kulturellen Zentrum des neuen Kronlandes Galizien und erfanden damit ihren eigenen „Orient“. In der jüdischen Geschichtsschreibung und Literatur figuriert Lemberg als Zentrum rabbinischer Gelehrsamkeit, als Vorreiter der jüdischen Aufklärung, als Armenhaus und schließlich als Ort der Vernichtung in der Shoah. Die ukrainische/ruthenische Nationalbewegung etablierte sich seit den 1830er Jahren in Lemberg und setzte die Anerkennung der Ruthenen als Nationalität durch; 1917–1919 erlangte sie kurzzeitig die staatliche Unabhängigkeit. Zwischen 1919 und 1939 wurde Lemberg erneut polnisch, im Zweiten Weltkrieg deutsch okkupiert, nach dem Zweiten Weltkrieg zur sowjetischen Stadt. Seit 1991 besteht die unabhängige Ukraine. –

Die Exkursion nach Lemberg/L'viv ist ein Versuch, sich den multiplen kulturellen Prägungungen und politischen Zugehörigkeiten der Stadt auf dem Wege der materiellen und sprachlichen Kultur zu nähern. Im Mittelpunkt steht die Synchronität der Kulturen in den einzelnen Zeitschichten: Lemberg als Ort koexistierender Religionsgemeinschaften und widerstreitender Nationalbewegungen, die Entwicklung der westukrainischen Sprache und Lemberger Stadtsprache vor dem Hintergrund der Vielsprachigkeit, literarische Interaktion und Abgrenzung der einzelnen Sprachgemeinschaften, die wechselseitige Prägung in der Architektur etc. Mit Methoden der neueren Stadtgeschichtsforschung sollen die TeilnehmerInnen vor Ort zu ausgewählten Themen recherchieren und am konkreten Objekt präsentieren. Darüber hinaus versteht sich die Exkursion als interdisziplinäres Gespräch zwischen Slavistik und Geschichtswissenschaft.

Die Katholische Universität L'viv und das Center for Urban History of East Central Europe  beteiligen sich als Gastgeber an der Gestaltung des Programms und sorgen für Seminarräume und Unterbringung.

Einführende Literatur

Allgemein

John Czaplicka (Hg.): Lviv. A city in the crosscurrents of culture, Cambridge (Mass.) 2005; Kerstin Jobst: Geschichte der Ukraine, Stuttgart 2010; Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, München 2009; Michael Moser: Die Ukrainer (Ruthenen, Russinen) in Österreich-Ungarn und ihr Sprach- und Kulturleben im Blickfeld von Wien und Budapest, Wien 2008; Ders.: Sprache und Literatur der Ukraine zwischen Ost und West, Bern 2000;  Alois Woldan (Hg.): Lemberg, Klagenfurt 2008.

Für Studierende der Geschichte

Andreas Kappeler: Der schwierige Weg zur Nation. Beiträge zur neueren Geschichte der Ukraine, Wien/Köln/Weimar 2003; Markian Prokopovych: Habsburg Lemberg: Architecture, Public Space and Politics in the Galician Capital, 1772–1914, West Lafayette 2008; Ders.: Staging Empires and Nations: Politics in the Public Space of Habsburg Lemberg. In: Rudolf Jaworski and Peter Stachel (Hg.): Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich, Berlin 2007; Ricarda Vulpius: Nationalisierung der Religion. Russifizierungspolitik und ukrainische Nationsbildung 1860–1920, Wiesbaden 2005.

03.06.2013 Seite drucken